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Wie du mir, so ich dir – wann sind Verstösse gegen demokratische Prinzipien vertretbar?

Medienmitteilung, 3. November 2026

Wenn politische Gegner demokratische Grundsätze verletzen, steigt die Zustimmung der eingenen Seite dazu, das gleiche zu tun. Was das für die Demokratie bedeutet, zeigt eine neue Studie unter Mitwirkung von Hannah Werner aus dem Zentrum für Demokratie Aarau.

Heute finden in den USA die Midterms statt. Im Vorfeld der Wahlen liefern sich beide Parteien einen Wettlauf um die Wahlkreisgrenzen: Texas zeichnete seine Karte auf Drängen von Donald Trump neu, Kalifornien zog ausdrücklich als Antwort darauf nach, weitere Bundesstaaten folgten. Beide Seiten argumentieren gleich: Die anderen haben angefangen. Das Prinzip hinter diesem Vorgehen scheint klar: Wenn die Gegenpartei demokratische Regeln verletzt, darf die eigene Seite gleich handeln.

Legitime Vergeltung?

Wie aber beurteilen die Wähler:innen die Strategie ihrer Partei, es der Gegenseite mit gleicher Münze heimzuzahlen? Finden sie es legitim, demokratische Prinzipien zu verletzen, nur weil die politische Gegenseite es auch getan hat? Diese Frage untersucht die neue Studie (siehe unten) mit Mitautorin und Assistenzprofessorin Hannah Werner vom Zentrum für Demokratie Aarau.

In hypothetischen Szenarien zu Wahlrecht, Versammlungs- und Pressefreiheit haben die Autorinnen getestet, ob Menschen von ihrer eigenen Partei undemokratische Schritte verlangen. Also, ob sie etwa Proteste der Gegenseite verbieten oder deren Anhängern das Wählen erschweren sollen. Sie haben auch untersucht, ob sich die Einstellung zu solchen undemokratischen Schritten verändert, wenn sich die Gegenpartei zuerst undemokratisch verhalten hat.

Für Hannah Werner ist die Fragestellen wichtig, weil: «Wir erwarten von Bürger:innen, dass sie unser politische System beschützen wollen und Verstösse gegen demokratische Institutionen bestrafen. Unsere Studie zeigt aber, dass selbst Menschen, denen die Demokratie wichtig ist, unter gewissen Umständen solche Verstösse von ihren eigenen Parteien gutheissen.»

Dynamisch und selbstverstärkend

Das Hauptergebnis der Studie zeigt, dass demokratisches Engagement relational ist. Das heisst: Wenn politische Gegner zuerst demokratische Regeln brechen, unterstützen Bürger:innen Verfehlungen auf ihrer eigenen Seite etwa doppelt so viel. Ohne Provokation befürworten rund 11 Prozent in beiden Ländern solche Schritte. Hat die Gegenseite die Regeln zuerst gebrochen, verdoppelt sich der Anteil: auf 22 Prozent in England und 25 Prozent in den USA. Weiter zeigt die Studie:

  • Am stärksten ist der Effekt beim Wahlrecht: In den USA steigt die Zustimmung, den Anhängern der Gegenpartei das Wählen zu erschweren, von 7 auf 24 Prozent.
  • Es ist kein Phänomen der Hardliner: Der Vergeltungsimpuls ist bei stark und wenig polarisierten Befragten gleich gross, ebenso bei Demokraten und Republikanern, Labour- und Tory-Anhängern.
  • Die meisten begründen ihre Haltung nicht mit Rache (11 Prozent), sondern mit Fairness (68 Prozent): Wer gleichzieht, stelle ein ausgeglichenes Spielfeld wieder her und schütze so die Demokratie.
  • Auch ein Hinweis auf die Bedeutung des betroffenen demokratischen Prinzips dämpfte den Vergeltungsimpuls nicht.

Die Studie zeigt also, wie Regelbrüche weitere Regelbrüche hervorbringen können, gerade bei Menschen, die sich selbst als Demokraten verstehen und grundsätzlich solche Normverstösse ablehnen. Gleichzeitig lehnt auch nach der Provokation eine Mehrheit von rund zwei Dritteln solche Schritte ab. Das bedeutet, dass demokratisches Engagement keine feste Haltung ist, sondern dynamisch auf den politischen Kontext reagiert. Hannah Werner ordnet die Bedeutung dieses Effekts auf die Demokratie so ein: «Dieser Reziprozitäts-Effekt könnte eine gefährliche Abwärtsspirale auslösen, bei der die Gegenseite immer weiter durch Regelbrüche eskaliert – und somit den Abbau von Demokratie politisch möglich macht.»

Daten und Methode

Die Autorinnen der Studie haben Fragebogen-Experimente mit 8000 Menschen in den USA und England im Jahr 2024 durchgeführt. Es wurden hypothetische Szenarien getestet und nicht die eingangs erwähnten aktuellen Ereignisse rund um die Neuzeichnung der Wahlkreise in den USA. Die Daten basieren auf Online-Quotenstichproben von 2024.

Download Studie

Janssen, Lisa; Werner, Hannah and Kern, Anna (2026). “When they go low, we kick them”: The reciprocal nature of citizens’ support for democratic transgressions. The Journal of Politics.
DOI: https://doi.org/10.1086/744129

Kontakt

Prof. Dr. Hannah Werner
hannah.werner@ipz.uzh.ch

Über das ZDA

Das Zentrum für Demokratie Aarau ist ein wissenschaftliches Forschungszentrum, das von der Universität Zürich, der Fachhochschule Nordwestschweiz, vom Kanton Aargau und von der Stadt Aarau getragen wird. Es betreibt Grundlagenforschung und befasst sich mit aktuellen Fragen zur Demokratie – regional, in der Schweiz und weltweit. www.zdaarau.ch