
Auch wer Abstimmungen verliert, bleibt im Spiel
Medienmitteilung, 13. Oktober 2026
Wer bei Volksabstimmungen häufig verliert, kann das Vertrauen in Bundesrat und Parlament verlieren. Das zeigt die bisherige Abstimmungsforschung. Eine neue Studie aus dem Zentrum für Demokratie Aarau kommt jetzt aber zum Schluss: Abstimmende, die häufig Niederlagen einstecken, unterstützen direkte Demokratie mehr und nehmen häufiger an Abstimmungen teil, obwohl ihr politisches Vertrauen sinkt.
Die letzte eidgenössische Volksabstimmung vom 27. September hat einige Verlierer hervorgebracht. Die Stimmberechtigten haben sowohl die Neutralitätsinitiative als auch die Ernährungsinitiative deutlich abgelehnt. Was geschieht mit Bürger:innen, die an der Urne immer wieder unterliegen?
Eine Lücke
Die bisherige Abstimmungsforschung zeigt, dass häufige Niederlagen bei Volksabstimmungen das Vertrauen der Abstimmenden in die Politik mindern. Wer also auf der Verliererseite steht, ist mit der Demokratie unzufriedener und vertraut den Institutionen weniger als die Gewinner. Wiederholte Niederlagen verstärken diesen Vertrauensverlust. Wie sich jedoch Abstimmungsniederlagen auf individueller Ebene in direkten Demokratien auswirken, ist bisher wenig erforscht. Die vorliegende Studie, die im Rahmen des Projekts DDS21 verfasst wurde (siehe Kasten) füllt hier eine Lücke, indem sie ein politisches System mit umfangreicher direkter Demokratie betrachtet und nicht nur einzelne Abstimmungen. Dies hilft zu verstehen, wie oft Abstimmende auf der Gewinner- oder Verliererseite stehen und wie sich die Dynamik auf lange Sicht entwickelt.
Verlierer:innen bleiben im Spiel
Die Studie untersucht die Auswirkungen auf das Vertrauen in die politischen Institutionen, die Unterstützung der direkten Demokratie und die Teilnahme bei Volksabstimmungen, wenn Abstimmungen häufig verloren gehen. Interessanterweise bestätigt sich nur die erste Befürchtung: Wer häufig unterliegt, vertraut dem Bundesrat und dem Parlament weniger als die Gewinnerseite. Auch wenn jemand häufig Abstimmungsniederlagen einsteckt, zeigen diese Personen eine grössere Unterstützung der direkten Demokratie und eine häufigere Teilnahme bei Volksabstimmungen. Das heisst in der Konsequenz: Häufige Niederlagen in einem politischen System, in dem direkte Demokratie in grossem Umfang zum Einsatz kommt, führt nicht automatisch zu Demokratie-Verdruss des Stimmvolks.
Für Studienautor Laurent Bernhard heisst der Befund folgendes: «In einer direkten Demokratie können Minderheiten ihre Anliegen immer wieder an die Urne bringen und auf einen Erfolg hoffen. Zudem steht kaum jemand immer nur auf der Gewinner- oder auf der Verliererseite. Darin liegt eine Stärke der direkten Demokratie: Ihre Funktionsweise trägt dazu bei, dass auch die Unterlegenen eingebunden bleiben.»
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass diejenigen, die in der direkten Demokratie häufig verlieren, mit den Eliten unzufriedener sind als die Gewinner, aber nicht von der Politik angewidert sind. Dies stützt die Ansicht, dass die direkte Demokratie eine beträchtliche integrative Wirkung auf jene Bürger ausüben kann, die oft nicht zur siegreichen Mehrheit gehören. Die Studie deutet somit darauf hin, dass in einem politischen System mit zahlreichen Volksabstimmungen häufige Niederlagen nicht zwangsläufig die Politikverdrossenheit befördern.
| Das Projekt «Direkte Demokratie Schweiz im 21. Jahrhundert (DDS21)» Seit 2023 setzt sich das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierte Forschungsprojekt Direkte Demokratie Schweiz im 21. Jahrhundert (DDS21) zum Ziel, die Gründe der Beteiligung und der Stimmentscheide der Schweizer Bürgerinnen und Bürger nach jeder eidgenössischen Volksabstimmung zu untersuchen. Unter der Leitung des Zentrums für Demokratie Aarau (ZDA), das der Universität Zürich angegliedert ist, vereint DDS21 Mitglieder der acht universitären politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz sowie des Liechtenstein-Instituts. Daten und Methode Für die vorliegende Studie wurden Daten aus einer Bevölkerungsbefragung verwendet, die unmittelbar nach der eidgenössischen Volksabstimmung vom 18. Juni 2023 durchgeführt wurde. Basierend auf dem Stichprobenregister des Bundesamts für Statistik (BFS) nahmen 2’100 stimmberechtigte Bürger:innen an einer Online-Befragung teil. |
Download Studie
Bernhard, L., & Kübler, D. (2026). Losing gracefully? On the effects of frequent defeat in direct democracy on political trust, support and participation. Political Research Exchange, 8(1). https://doi.org/10.1080/2474736X.2026.2728513
Kontakt
Dr. Laurent Bernhard
Projektkoordinator Zentrum für Demokratie Aarau
laurent.bernhard@uzh.ch
Über das ZDA
Das Zentrum für Demokratie Aarau ist ein wissenschaftliches Forschungszentrum, das von der Universität Zürich, der Fachhochschule Nordwestschweiz, vom Kanton Aargau und von der Stadt Aarau getragen wird. Es betreibt Grundlagenforschung und befasst sich mit aktuellen Fragen zur Demokratie – regional, in der Schweiz und weltweit. www.zdaarau.ch